»Gebäude und Bauteile müssen künftig so gefügt werden, dass ihre Bestandteile am Ende der Nutzungsphase wieder lösbar und verwertbar sind«

Interview /

2022 hat der CIRCONOMY® Hub »Stoffkreisläufe im Bausektor« seine Arbeit aufgenommen – initiiert vom Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP in Holzkirchen und vom Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie IMW in Leipzig. Das übergeordnete Ziel: die Nachhaltigkeit in der Bauwirtschaft stärken. Wie dieses Ziel zu erreichen ist und welche Hemmnisse es dabei zu überwinden gilt, erklärt Rafael Gramm vom Fraunhofer IBP im Interview.

Rafael Gramm
© Florian Bachmeier
Rafael Gramm leitet die Gruppe »Transformation Bau« am Fraunhofer-Institut für Bauphysik IBP.

Mit welcher Motivation seid ihr in den Hub gestartet?

Rafael Gramm: Unsere Motivation besteht darin, bislang ungelöste Forschungsfragen zur Circular Economy im Bauwesen systematisch zu bearbeiten. Die Ausgangslage ist komplex: Bauteile, Baustoffe und Bausysteme unterscheiden sich erheblich hinsichtlich ihrer Kreislauffähigkeit. Während einzelne Stoffströme bereits hohe Recyclingquoten erreichen, fehlen für andere noch geeignete technische und wirtschaftliche Lösungen. Der Hub bringt daher Fraunhofer-Institute und Unternehmen zusammen, um konkrete Handlungsbedarfe entlang der Prozesse zu identifizieren und gemeinsam tragfähige Lösungsansätze zu entwickeln.


Habt ihr euch dabei ein konkretes Ziel gesetzt?

Rafael Gramm: Unser Ziel ist es, gemeinsam mit den beteiligten Unternehmen Forschungsprojekte zu Stoffkreisläufen im Bauwesen zu initiieren und umzusetzen – sowohl im Rahmen öffentlicher Förderprogramme als auch über Auftragsforschung. Zugleich dient der Hub als zentrale Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft: In unterschiedlichen Austauschformaten führen wir Forschungsansätze der Fraunhofer-Institute mit den Bedarfen und Perspektiven der Unternehmen zusammen. Daraus sollen konkrete Projektideen und langfristig ein transformationsorientiertes Netzwerk entstehen.

Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, die Sichtbarkeit und fachliche Positionierung von Fraunhofer im Themenfeld der Circular Economy zu stärken. Mit Formaten wie dem Newsletter und den Netzwerktreffen haben wir bereits eine gute Resonanz erzielt: Akteure aus dem Bausektor nehmen uns zunehmend als Ansprechpartner für die Kreislaufführung von Baustoffen wahr und binden uns in entsprechende Fachdialoge ein.


Wie groß ist dieser Verbund inzwischen?

Rafael Gramm: Zuletzt waren es 85 Netzwerkpartner. Und zwar nicht nur kleine und mittelständische Unternehmen, sondern auch große Konzerne, Verbände, politische Organisationen und Stiftungen. Sie werden regelmäßig per Mailing informiert und zu unseren Formaten eingeladen. Dazu gehören auch Peer-Group-Treffen zu spezifischen Themen wie Kunststoffabfälle im Bauabbruch oder die Verwertung von Bodenaushub. Bei diesen Treffen sind im Schnitt etwa acht Unternehmen vertreten. Und natürlich wollen wir unseren Adressatenkreis weiter ausbauen und möglichst viele erreichen, die sich für die Thematik interessieren.


Wie präsent ist Circular Economy denn im Bauwesen?

Rafael Gramm: Das Thema ist in der Branche sehr präsent. Für viele Unternehmen steht zunächst das Recycling im Vordergrund, weil hier noch zahlreiche technische und organisatorische Fragen ungeklärt sind und zugleich ein erhebliches Potenzial besteht. Steigende Entsorgungskosten und regulatorische Anforderungen – etwa an die sortenreine Trennung – erhöhen zusätzlich den Handlungsdruck. Gleichzeitig beschäftigen sich zahlreiche Initiativen mit Circular Economy-Prinzip »Reuse«, also der Frage, wie Sekundärrohstoffe oder zurückgewonnene Bauteile in neuen Planungsprozessen wiederverwendet werden können. Solche Ansätze finden in der Branche zunehmend Beachtung; wichtige Impulse kommen dabei häufig aus Architektur und Planung.

Den beteiligten Akteuren ist bewusst, dass die Baubranche erheblich zu Treibhausgasemissionen, Abfallaufkommen und Ressourcenverbrauch beiträgt. Um diese Belastungen zu verringern, gewinnen Strategien wie die Umnutzung von Gebäuden, die Wiederverwendung von Bauteilen und die Aufarbeitung von Materialien an Bedeutung. Die Circular Economy bildet dafür den übergeordneten konzeptionellen Rahmen.


Was sind in deinen Augen die größten Herausforderungen auf dem Weg Richtung Kreislaufwirtschaft?

Rafael Gramm: Die drei zentralen Hemmnisse sind die heterogene Zusammensetzung von Bauabfällen, Qualitätsverluste im Prozess und Schadstoffe. Ein Beispiel sind mehrschichtige Fassadensysteme: Dämmstoffe, Armierungsgewebe, Putz und Anstriche sind häufig fest miteinander verbunden und lassen sich beim Rückbau nur schwer sortenrein trennen. Dadurch entstehen heterogene Baumischabfälle, deren hochwertige Verwertung aufwendig ist. Darin liegt zugleich eine Chance für neue Konstruktionsprinzipien: Gebäude und Bauteile müssen künftig so gefügt werden, dass ihre Bestandteile am Ende der Nutzungsphase wieder lösbar und verwertbar sind.

Die zweite Herausforderung betrifft die Qualität. Bauteile und Baustoffe unterliegen während ihrer Nutzung Alterung und Verschleiß. Beim Rückbau stellt sich deshalb die Frage, ob und in welcher Funktion sie erneut eingesetzt werden können. Das zeigt sich beispielsweise bei Beton: Ganze Bauteile lassen sich grundsätzlich wiederverwenden, sind jedoch mit hohen Anforderungen an Prüfung, Transport und Einbau verbunden. Wird Beton dagegen rückgebaut und als rezyklierte Gesteinskörnung in neuem Beton eingesetzt, können sich die Materialeigenschaften gegenüber dem Ausgangsprodukt verändern.

Das dritte Hemmnis sind Schadstoffe. In zahlreichen Bestandsgebäuden wurden beispielsweise Asbest oder Holzschutzmittel eingesetzt. Häufig fehlen verlässliche Informationen darüber, welche Schadstoffe in welchen Bauteilen enthalten sind. Asbest findet sich etwa auch in älteren Fliesenklebern. Solche Belastungen erschweren den sicheren Rückbau und begrenzen die Möglichkeiten einer hochwertigen Kreislaufführung erheblich.


Was sind aus Unternehmenssicht Treiber, um sich mit diesen Hindernissen auseinanderzusetzen?

Rafael Gramm: Ein wesentlicher Treiber sind neue regulatorische Rahmenbedingungen, die Recycling und Wiederverwendung fördern oder verbindlich einfordern. Ein Beispiel ist die Ersatzbaustoffverordnung, die neue Anforderungen und Verwertungswege für mineralische Stoffströme, darunter Bodenaushub, definiert. Zu diesem Thema haben wir ein Peer-Group-Treffen angeboten und Ansätze zur Aufbereitung und Wiederverwendung vorgestellt. Gerade bei regulatorischen Veränderungen ist das Interesse der Unternehmen groß, wissenschaftliches Know-how frühzeitig einzubeziehen und gemeinsam praxistaugliche Lösungen für geschlossene Stoffkreisläufe zu entwickeln.


Der Hub ist also weiter offen für weitere Unternehmen?

Rafael Gramm: Ja, ausdrücklich. Einmal jährlich veranstalten wir ein offenes Vernetzungstreffen. Ergänzend bieten wir themenspezifische Austauschformate für kleinere Gruppen an. Eine der letzten Veranstaltungen widmete sich beispielsweise der Digitalisierung von Lieferketten und der Frage, wie Unternehmen ihre Datensouveränität sichern können. An diesem Termin nahmen 35 Personen teil.

Darüber hinaus unterstützt der Hub den Transfer aus anderen Forschungsprojekten. Projektteams können Zwischenergebnisse im Unternehmensnetzwerk zur Diskussion stellen, themenspezifische Workshops durchführen oder Abschlussveranstaltungen gemeinsam mit dem Hub organisieren. So erhalten sie frühzeitig fundiertes Feedback aus der Praxis und können ihre Ergebnisse gezielt weiterentwickeln.

Perspektivisch soll die Vernetzung über den einzelnen Hub hinausreichen. Wenn sich deutschlandweit weitere CIRCONOMY® Hubs etablieren und miteinander kooperieren, kann eine belastbare Infrastruktur für langfristige Zusammenarbeit entstehen. Sie würde unterschiedliche Akteure und Perspektiven zusammenführen, den Wissenstransfer beschleunigen und die Entwicklung kreislauffähiger Lösungen im Bauwesen voranbringen.